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Prof. (em.) Dr. Peter Schulz-Hageleit (TU Berlin) Ende der Geschichte oder Geschichte ohne
Ende? Acht Thesen zur Einleitung in eine Diskussionsveranstaltung mit Dr. Ingolf Toll Ebel in der URANIA am 23. 3. 2010 1. Geschichtsphilosophie und Geschichtswissenschaft. - Geschichtsphilosophie versucht, das Geschichtlich-Allgemeine zu erfassen, die historischen Hauptkräfte, die das Besondere der Geschichte, die verschiedenen Ereignisse und Ereignisabfolgen, gleichsam hervortreiben. Geschichtswissenschaft erforscht dagegen das Geschichtlich-Besondere, mithin spezifische Ereigniszusammenhänge und Entwicklungsbedingungen des Tatsächlichen, das sich in sogenannten „Quellen“ nachweisen lässt. Neuerdings wird, Geschichtsphilosophie ergänzend, auch über „Geschichtstheorie“ nachgedacht (vgl. etwa Rüsen 2002). Darauf möchte ich aber, um unnötige Komplikationen zu vermeiden, nicht weiter eingehen. 2. Gibt es Hauptkräfte, Prinzipien, Motive o. ä., die das historische Geschehen bestimmen? - Geschichtsphilosophie entspringt einem elementaren
menschlichen Bedürfnis, das besonders im „Abendland“ deutlich artikuliert
wurde und das darauf aus ist, die alle Einzelereignisse übergreifenden und
bestimmenden Hauptkräfte der Geschichte zu ermitteln und damit auch
zu beherrschen. 3. Gott oder die Vernunft – wer oder was lenkt die Geschichte? Weder Gott noch die Vernunft… - Die Aufklärer selbst setzten die VERNUNFT an die Stelle Gottes. Als Geschichtsmacht hat die Vernunft in einigen politischen Aktionsfeldern Schlimmstes verhütet (z.B. zum Beispiel einen Atomkrieg), im Ganzen bisher aber keine entscheidende Wirkung entfaltet, denken wir nur an das vorige Jahrhundert mit seinen Weltkriegen und Völkermorden, aber auch an die Gegenwart, die es im globalen Zusammenhang u. a. nicht schafft, die Klimakatastrophe wirksam zu bekämpfen. 4. Zwei Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhunderts: Sind sie noch aktuell? - Geschichtsphilosophen im klassischen Sinn gehören einer
vergangenen Zeit an, nämlich dem 19. Jahrhundert. Hier sind in erster
Linie Friedrich Hegel (1770-1831) und Karl Marx (1818-1883) zu nennen. 5. Kritik am Übermaß des Geschichtlichen, das um seiner selbst willen rekonstruiert und gesammelt wurde. - Heute noch anregend und gut lesbar ist Friedrich
Nietzsches Abhandlung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
Leben nennen (Nietzsche lebte von 1844 bis 1900; die Abhandlung
entstand Ende 1873). Wie der Titel schon andeutet, wehrte sich Nietzsche
gegen das Übermaß an Historie, das den Blick nach vorn, die Zukunft,
lebendige Weiterentwicklungen zu ersticken drohten. (Nietzsches Zeit war
tatsächlich eine Zeit der alles andere in den Schatten stellenden
historischen Forschung um ihrer selbst willen. [2]) „In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen:
sie gehört ihm als dem Tätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und
Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser
Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie:
sofern es erlaubt ist, eine monumentalische, eine antiquarische und eine
kritische Art der Historie zu unterscheiden.“ [3] Gegen die Botschaften aus dem 19. Jahrhundert, wie immer
sie gelautet haben mögen, hat sich inzwischen eine massive Abwehrfront
formiert, die nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts von tiefer Skepsis
gegenüber allen verallgemeinernden Aussagen erfüllt ist und ein die
Richtung weisendes universelles Geschichtssubjekt, eine geschichtliche
Hauptkraft, einfach nicht mehr zu erkennen vermag. 7. Worauf kommt es nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts an? - Von geschichtsphilosophisch oder ideologisch-willkürlich
induzierten Weltveränderungen haben wir in der Tat genug. Eine permanente
Skepsis allem und jedem gegenüber eröffnet aber auch keinen Weg des
Lernens aus Geschichte, der mir aufgrund meiner Sozialisation besonders
wichtig ist. Ich möchte daher Marx’ berühmte (11.) These über Feuerbach
meinerseits sprachspielerisch verändern und mir damit auch zu eigen
machen. Den ersten Halbsatz von Marx lasse ich unverändert, im zweiten
Halbsatz setze ich ein anderes Objekt ein. Mein Satz lautet: „Die
Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf
an, sich zu verändern.“ 8. Was bedeutet „Wendung aufs Subjekt“ - geschichtsphilosophisch? - Die Idee der Selbstveränderung ist alt, uralt; sie ist
aber bisher ohne politisch-existenzielle Notwendigkeit durch die
Ideengeschichte gesegelt und hat daher auch keinerlei Wirksamkeit
entfaltet. [6] Das hat sich inzwischen von Grund auf
geändert (Stichwort, mündlich: weitgehende Zerstörung der Welt). Anmerkungen: [1] Die prägnanteste Stellungnahme zum gegenwärtigen Stellenwert der „Geschichtsphilosophie“ bietet m. E. Kittsteiner (s. unten Literaturhinweise). [2] Im Vergleich von Gegenwart und Vergangenheit wäre zu diskutieren, ob eine dem Historismus ähnliche Geschichtsemphase nicht auch die Gegenwart kennzeichnet, denken wir nur an die unübersehbare Fülle von Gedenkstätten, Denkmalen, Publikationen, Gedenktagen usw. [3] Nietzsche, Vom Nutzen… a.a.O., S. 19 (Beginn des 2. Abschnitts). [4] Marx, Thesen über Feuerbach (1845), 11. These. [5] Ausführlicher dazu Schulz-Hageleit 1998, S. 165. [6] Historisch deutlich zu erkennen ist die christliche Quelle der Forderung nach Selbstveränderung, die aber mit Dogmatisierung und kirchenpolitischen Geltungsansprüchen verquickt war und daher der mentalitätsgeschichtlich-säkularen Umsetzung der Idee wenig nutzte. In der ökumenischen Einheitsübersetzung der Bibel findet sich ein Stichwort Umkehr, das auf Bekehrung (zum Christentum) und Reue mit entsprechenden Belegstellen verweist. [7] Adorno, Was bedeutet… 1972, S. 27. Vgl. auch Diner 1988. Verzeichnis der zitierten Publikationen: Bibel, die: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Gesamtausgabe. Ökumenischer Text. Stuttgart 1980. Diner, Dan (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. 1988. Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992. Jordan, Stefan (Hrsg.): Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe. Stuttgart 2002. Rüsen, Jürgen: Geschichtstheorie. In: Jordan 2002, S. 120-124. Kittsteiner, Heinz Dieter: Geschichtsphilosophie. In. Jordan 2002, S. 116-119. Marquard, Odo: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie. Aufsätze. Frankfurt a. M. 1982. Nietzsche, Friedrich: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Stuttgart 1970. Schulz-Hageleit, Peter: Leben in Deutschland. Geschichtsanalytische Reflexionen über Gegenwart und Zukunft. Pfaffenweiler 1998. |
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